Öffnung zum Licht

Öffnung zum Licht

Manchmal steht am Anfang eines Gemäldes von Felix Büchel ein zartes Gerüst von kalligrafischen Linien oder die flächendeckende Verteilung einer Farbe, die eine Grundstimmung hervorruft. Wässrig verdünnt, wird die Ölfarbe schnell und großzügig aufgetragen, und dann, partiell angetrocknet, wieder abgetragen. Büchel gewährt der Farbe, die sich fließend über die Leinwand ergießt, ihren großzügigen Freiraum: Schlieren, Tropfen, Rinnsale bedecken die Fläche in einem ahierarchischen All-Over, bis der Künstler die Substanz dahingehend bändigt bzw. beseitigt, dass sich schwache Umrisse einer vormaligen Bewegtheit abzeichnen. Farbrückstände, schematische Spuren der malerischen Setzung bleiben übrig und verbinden sich mit späteren Malschichten. In diesem Prozess von Hinzufügen und Entfernen lässt sich Felix Büchel von den dadurch aufkommenden Effekten überraschen, reagiert intuitiv auf die unmittelbaren Gegebenheiten des jeweiligen Bild-Zustands. Das dynamische Wechselspiel, in welchem der Zufall ein entscheidender Impulsgeber ist, ergibt vor- und zurückspringende, kontrastierende, pulsierende Farbbereiche.

Der Bildraum wird meist durch horizontal oder vertikal gelagerte Balken gehalten, sie ergeben ein Gefüge an formalen Gliederungselementen, um die Komposition zu strukturieren. Weniger Barrieren oder Schranken, erscheinen diese Balken vielmehr durch ihre gesteigerte Helligkeit wie Lichtspalten, gleichsam Durchblicke, die den Bildraum in eine immaterielle Sphäre jenseits der Oberfläche öffnen. Diese Bereiche entstehen durch die fast vollständigen Auswaschungen der überschüssigen Farbmaterie und sind damit sichtbare „Leerstellen“ im Bild, deren diffuses, blasses Leuchten aus dem Gewebe der Leinwand selbst auszustrahlen scheint. In diesen Partien ist die Materie nahezu überwunden und der Bildraum zugunsten von beinahe reinem, von jeglicher Farbe befreitem Licht aufgelöst.

Und doch legen diese Manifestationen verlorener Materie, als Verkörperungen einer Anwesenheit in der Abwesenheit, ein Spiel der Spuren offen. Wie ein Palimpsest treten zugrundeliegende Farbschichten an der Oberfläche in Erscheinung, so dass mit der Durchlässigkeit dieser der Prozess der Malerei selbst transparent wird. Mitunter erinnern die weichen Konturen und sanft vibrierenden Übergänge, die Überlagerungen von Tonnuancen in den Gemälden von Felix Büchel an die fotografischen Effekte des Mehrschichtfilms, bei dem sich mehrere, jeweils für eine andere Farbe sensibilisierte Emulsionsschichten auf einem Träger vereinen. Die Durchdringung der Farbebenen und die damit einhergehende Aufhebung der Grenze zwischen Vorder- und Hintergrund eröffnen einen unendlichen Bildraum, der sich im fein abgestimmten Zusammenwirken der transparent leuchtenden Farbwerte lebendig entfaltet. Somit entsteht die Komposition durch Büchels intensive Erforschung von Farbqualität bei gleichzeitiger Auslotung des Bildraums.

In seiner Auseinandersetzung mit der Farbe strebt Felix Büchel feinfühlig danach, „das Dahinter zu enthüllen“, dem Wesen der Malerei auf die Spur zu kommen. Mark Rothko hat „das Atmen und Vibrieren entlang der Farbgrenzen“ in dem Begriff der „Breathingness“ zusammengefasst. Und auch die Malerei Felix Büchels, aus dem organischen Rhythmus des Auf- und Abtragens gewachsen, verleiht einem spirituellen Raumverständnis Ausdruck, welches im ätherischen Zusammenspiel von Farbklängen erfahrbar wird.

Bettina Haiss, 2017